Neugier, Hoffnung, Kraft und Lust

Lieber Merkurblog,

heute habe ich Dir einmal aufgeschrieben, was ich alles an Berlin so mag.

Berlin ist die Stadt der Jugend und der Künstler! Die Künstler, die aus aller Welt nach Berlin kommen, sind so jung, dass man in dieser Stadt mit 50 Jahren als Kulturpolitiker schon zu alt ist. Sie sind so erfüllt von Neugier, Hoffnung, Kraft und Lust, dass ihre Neugier, Hoffnung, Kraft und Lust die ganze Stadt ergriffen haben. Berlin ist die Stadt der Neugier, Hoffnung, Kraft und Lust. Die Stadt des Aufbruchs. Ja, es ist Frühling in Berlin!

Und jetzt, in der Zeit der Kirschblüte, bittet Berlin die letzten Intendantengreise, ihre Sessel zu räumen. Liebevoll, in Dankbarkeit, aber auch entschlossen. 50 ist das neue Rentenalter für Intendanten in Berlin. Adieu, Peymann, Castorf, Flimm, Dercon. Das muss so sein. Die Künste müssen die Gegenwart packen und umarmen, ganz ganz fest. Das können nur Künstler, die voll in der Gegenwart leben, weil sie wissen, dass sie noch Zukunft vor sich haben. “Na klar”, sagen Peymann, Castorf, Flimm, Dercon. “Das verstehen wir. Wir gehen gern und in Frieden.” Und aus Wilmersdorf ruft Thomas Ostermeier: “Ich bin zwar erst 46, aber auch schon viel zu lange im Amt. Ich gehe auch. Ich bin so gespannt, was nach mir kommt!” Die Neugier auf die Kraft und Lust der Jugend hat sie alle gepackt. Die unbändige Lust auf Veränderung! (mehr …)

Leserkommentar zu Ina Hartwigs “Reproduktionsmedizin als Metapher”

Ein Kommentar von Leser Manfred Schmidt zu Ina Hartwigs im Aprilheft erschienenem Beitrag Reproduktionsmedizin als Metapher.

Klinische Unikate

Das, was sie tut, kam mir schon immer so vor wie das Wort, mit dem wir sie bezeichnen: Reproduktionsmedizin. Sachlich, semantisch genau, kein Euphemismus, wie wir ihn sonst gern verwenden, wenn wir Ungeheures bezeichnen wollen. Ich denke an Joysticks und Männer mit Mundschutz, an keimfreie Forschungslabore und das kalte Metall der Rechtsmedizin, an säuselnde Stimmen, die Wunschkinder und Elternglück versprechen. Das sind die ersten Bilder. Denkt man aber genauer darüber nach, dann ist dieses kühle Wort doch ein Euphemismus. Denn es geht ja gar nicht um die Vervielfachung, die Reproduktion eines Originals, sondern tatsächlich um die Schöpfung dieses Originals selber. Was wir Reproduktionsmedizin nennen, ist in Wirklichkeit also eine Produktionsmedizin, ein innovativer Zweig der medizinischen Forschung, der menschliche Unikate mit den Mitteln avancierter Biotechnologie erschafft; anders kann man es nicht nennen, wenn man die Sache nüchtern betrachtet.  Aber kaum jemand tut das. Im April-Heft des Merkur analysiert die Literaturkritikerin Ina Hartwig Fotos von Susan Sontag und Annie Leibovitz’ Tochter Sarah und schreibt dabei im Subtext eine seltsame Hymne auf die tröstenden Möglichkeiten jener Praxis des künstlichen Menschenmachens. Die Reproduktionsmedizin schließt sie kurz mit dem “euphorischen Möglichkeitsdenken vieler Amerikaner und vieler Homosexueller” und freut sich daran, dass diese Technologie “der Natur ein Schnippchen schlägt”. (mehr …)

François Maspero (1932-2015)

“Évidemment, tout le problème réside dans la forme d’écho qu’on peut être”

Die Geschichte der Intellektuellen in der Bundesrepublik ließe sich als eine Geschichte der Kindernazis und Nazikinder schreiben. Das geistige Leben in Frankreich hingegen stand gerade in den drei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg ganz im Zeichen der Résistance. Oft war das ein Gestus der Revolte, der mit der historischen Wirklichkeit der Kollaboration wenig zu tun hatte. Bei François Maspero war es Familiengeschichte. Seine Eltern wurden von der Gestapo verhaftet. Sein Vater, ein Sinologe und Professor am Collège de France, kommt in Buchenwald um, seine Mutter entgeht dort nur knapp dem Tod. Sein älterer Bruder Jean stirbt 1944, er hatte sich nach der Landung der Alliierten auch den amerikanischen Invasionstruppen angeschlossen. Maspero wollte den Nazis nicht das letzte Wort über die Erinnerung an seine Familie überlassen. Wenn ich lese, was er diesbezüglich zu Protokoll gab, muss ich an Tarantinos Inglorious Basterds denken: “Ich bin sehr stolz darauf, dass mein Bruder mit 19 schon drei deutsche Offiziere auf offener Straße erschossen hatte.” Jean, ein Heckenschütze der Résistance, wurde keine 20. Er betrachtete den Tag, an dem sein Bruder starb, als sein eigentliches Geburtsdatum. Es war die Geburt “zum Tod”, so Maspero später.

Doch zuvor muss man leben. Noch bevor François Maspero als Verleger bekannt wurde, war er als Buchhändler tätig. Sein Ethnologiestudium hatte er abgebrochen. Er eröffnete “La Joie de lire” 1955, ein Buchladen, den er von einem ehemaligen Anhänger Pétains übernommen hatte. Entsetzt über das Verhalten des französischen Staates im Algerienkrieg, steigt er 1959 auch in das Verlagswesen ein. Der Maspero-Verlag veröffentlichte Pamphlete des Kriegsgegners: Die führenden Köpfe der algerischen Befreiungsbewegung FLN kamen zu Wort. Dazu kamen Texte, in denen es immer um die systematische Folterpraxis der französischen Armee ging. Andere richteten sich an französische Soldaten und ermunterten sie zur Fahnenflucht. Nicht weniger als 13 Bücher wurden allein zwischen 1960 und 1962 von der Justiz verboten. (mehr …)

Zum Tod von Günter Grass

Günter Grass, der heute gestorben ist, war im Merkur nur vier Mal vertreten, davon zweimal mit Vorabdrucken aus Romanen (einmal, 1958, zur Blechtrommel und einmal, 1976, zum Butt). Die Suche im Archiv ergibt aber den folgenden Fund einer sehr schönen Vignette, in der Helmut Heissenbüttel von einer Tagung der Gruppe 47 berichtet. (Der vollständige Text, der noch zwei mit dem dritten nicht direkt verbundene Teile enthält, ist im August 1965 erschienen und hier – kostenpflichtig – komplett lesbar.)

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Helmut Heissenbüttel

Gruppenkritik

von 25 Autoren lasen 16 zum erstenmal 10 wurden positiv 9 negativ und 6 verschieden beurteilt in der Kritik fielen von 200 Wortmeldungen je 20 auf Walter Jens und Joachim Kaiser 17 auf Walter Höllerer 16 auf Erich Fried 12 auf Günter Graß 11 auf Hans Mayer 9 auf Marcel Reich- Ranicki je 7 auf Heinz von Cramer Fritz J. Raddatz und Peter Weiß 6 auf Erich Kuby je 5 auf Hans Magnus Enzensberger Alexander Kluge Jacov Lind und Hermann Piwitt 13 Kritiker sprachen je 4 mal und weniger

Hermann Piwitt glaubt eine wirklich positive Geschichte gehört zu haben Günter Graß ist mit dieser Geschichte nicht so einverstanden Peter Rühmkorf unterscheidet einen blassen Erzähler Marcel Reich-Ranicki ist nur nicht im geringsten dafür daß die Grenze zwischen fiction und non-fiction verwischt wird Fritz J. Raddatz muß sich fragen was dem Thema nun Neues abgezwungen wird Walter Jens fragt sich in welcher Weise ein bestimmtes Milieu angemessen dargestellt werden kann also Heinz von Cramer findet das eine ganz besonders saubere Arbeit

Joachim Kaiser sieht sich als Zeugen eines Manövers bei dem am Schluß das Gelände beinah leer ist Walter Höllerer sieht eine Metapher aus einem Familienbild heraustreten dann Pantomime werden und schließlich Kabinettstück Dieter Wellershoff erscheint das als Analogie zum Fertighausbau Roland H. Wiegenstein riecht eher eine schweißtreibende Modernität Reinhard Baumgart sieht eine furchtbare Art von Demokratie im Stil Günter Graß sieht reines Papier Hans Mayer geht die moralité daneben Walter Jens glaubt daß es gelungen ist

Walter Höllerer fragt nach der Bezugsfigur und entdeckt die Relativität der Relationen als Prinzip es geht ihm um Daseinsformen und Bewußtseinsmöglichkeiten Walter Jens hat von Walter Höllerers Rede nichts verstanden Hans Magnus Enzensberger gesteht daß er beim Zuhören etwas geschwankt hat Marcel Reich-Ranicki kann nicht recht verstehn was Hans Magnus Enzensberger gesagt hat und befürchtet durchaus den Schritt vom Asketischen zum Sterilen er hat wenig dagegen nichts dafür zu sagen Hans Mayer hat Walter Höllerer eigentlich durchaus verstanden und beim Hören die merkwürdigsten Evolutionen durchgemacht Joachim Kaiser wendet sich gegen das Wort steckenbleiben von Walter Höllerer

Walter Mannzen weiß nicht ob Günter Graß weiß ob Brecht wissen konnte was Graß weiß und Unseld wissen kann was Brecht wußte und Graß weiß ob Brecht wissen konnte ob Unseld weiß was Graß nicht weiß aber er sagts auch nicht

Walter Höllerer findet sehr viel an subtiler Substanz Walter Jens findet weder Theologie noch Libretto Alexander Kluge findet eine sehr interessante Abkehr von der Rhetorik Günter Graß findet das nun einmal eine pausbäckige Angelegenheit Hans Mayer findet den Text sehr schön

Günter Graß kommt es auf den langen Atem an Marcel Reich-Ranicki will nur nicht gleich aufhören zu kritisieren wenn es sich nicht um avantgardistische Kunststücke handelt Hans Mayer findet es schwer etwas zu sagen er ist sehr bewegt und findets wunderschön Joachim Kaiser hat keinen Kunstfehler entdeckt

Hans Werner Richter wundert sich über sich selbst

Der komplette Merkur für 48 Euro

Ab sofort gibt es ein neues, extrem günstiges Online-Abomodell für den Merkur: Das komplette Heft, inklusive Zugriff auf das digitale Archiv (zurück bis 1947) für 48 Euro im Jahr.

Es handelt sich dabei um ein “Abo für den akademischen Nachwuchs”. Das soll heißen: Es gilt nicht nur für Studierende, sondern auch für Doktoranden, Postdoktoranden und befristet in Projekten oder an der Universität Angestellte. (Die Ironie der Rede vom “Nachwuchs” liegt dabei in der Situation der Betroffenen, nicht im Namen für das Abo.)

Haken gibt es keine, auch keine Hinterhältigkeiten im Kleingedruckten. Für alles weitere – auch die Möglichkeit zum direkten Abonnierenhier entlang.

Zum 1. April

MERKUR

Merkur: Aprilheft

Das Aprilheft ist da. Claus Pias unternimmt es darin, aus sympathetischer Sicht Friedrich Kittlers höchst folgenträchtigen Hack der Germanistik zu historisieren. (Der Text ist eine der beiden frei lesbaren Proben aus diesem Heft.) Sogar noch weiter zurück als der Titel verspricht, geht es in Boheme vor und nach ’68 von Walburga Hülk, Nicole Pöppel und Georg Stanitzek – oder wenigstens geht es bis 1800 und zum Philister als Schreckbild zurück. Daran schließt zwanglos Hannelore Schlaffers Essay an, denn darin geht es um Philister, Spießer und Schwaben (auch er ist online zu haben).

Außerdem unter anderem: Eckhard Nordhofen lotet das fundamentalistische Potenzial der Grapholatrie in Christentum und Islam aus. Bilder vom Körper Susan Sontags analysiert Ina Hartwig. In den Kolumnen geht es um Konzentrationslageraufnahmen und um den unterschiedlichen Umgang mit faschistischem Architekturerbe in Deutschland und Italien. Andreas Eckert schreibt über gewisse Revisionen des Heldenbilds von Ryszard Kapuściński.

Die Schlusstrias im April: Bernd-Peter Lange stellt Walter Benjamin und Bertolt Brecht als Schachspieler vor. Günter Hack nähert sich dem Rotschwanz mit (nicht nur) Adalbert Stifter. Und Stephan Herczeg tut im Journal erst nichts, und dann doch was.

Und dann noch die kurze Werbeeinblendung: Wir haben jetzt ein Online-Abo-Angebot, das der akademische Nachwuchs nicht ablehnen kann – den kompletten Merkur für 48 Euro im Jahr. Näheres hier.