Notizen zu einer Sozialgeschichte der Programmierung (II)

Vorbemerkung: Das Folgende ist die schriftliche Fassung eines Gesprächs, das Kathrin Passig und Arne Janning geführt haben (bzw. dessen zweiter Teil, der erste Teil ist hier). Die Form ist schön, aber ungewöhnlich: Zusätzlich zum eigentlichen Gespräch gibt es in den kursiven Einschüben noch die nachträglichen Selbstkommentare Arne Jannings in Form von Literaturverweisen, Selbstkritik, Monita aller Art. Da das weiterführt, bleibt es drin.

Arne Janning: Mein Ausgangspunkt ist, dass die “History of Computing” – die Geschichte des Computers und die Geschichte der Software – derzeit so aussieht, wie man früher vielleicht die Geschichte des Automobils geschrieben hätte. Eine Geschichte der großen Erfinder, Benz, Ford, eine Geschichte der großen Konzerne, Microsoft, Apple. Es gibt viel Literatur zur Geschichte von Apple. Es gibt mehr Literatur zur Geschichte von Microsoft als über den gesamten Rest der Softwareindustrie. Es gibt diese Hagiographien über die großen Erfinder. Also über Bill Gates ganz viel, über Steve Jobs natürlich neuerdings auch. Aber auch über Larry Ellison, den Gründer von Oracle und andere Heroen der Industrie.

Aber um bei der Analogie zum Automobil zu bleiben: Die Geschichte des Automobils beinhaltet viel mehr als Benz und Ford.

Kurt Möser, Die Geschichte des Autos; Hermann Glaser, Das Automobil. Virilio-Zitat.

Vom “Herrenfahrer” zum “Volkswagen”. Autorennen. Rennfahrer. Automobilclubs. Salons, Ausstellungen, Autozeitschriften. Standards. Benzin oder Strom? Straßennetz. Verrechtlichung. Konflikte. Stadtplanung. Volkswirtschaft. Stau. Schrottberge. Energiekrisen. Umweltbelastung.

“Praxis”: Selbstbestimmung. Standardisiertes Produkt zur Herstellung von Individualität. Innenraum, “Sofa als Rakete” (Otl Aicher über das Auto), hierdurch zuletzt Anschluß an die Softwarewelt. “Entertainmentsysteme”, “Autonomes Fahren”.

Kurz zusammenfassen: Alexa Geisthövel und damit den ganzen Absatz hier ersetzen, weil unpräzises Blabla: (mehr …)

Birkenstockbodenständigkeit (Raffinement der Bequemlichkeit)

I

Die Neuerfindung des Gesundheitsschuhs in der Moderne lässt sich ziemlich genau datieren. Der Philologe und Archäologe Carl August Böttiger erinnert sich in seinem Artikel Über die Stelzenschuhe der Alten Griechinnen vom Februar 1800 an das antike Wissen vom bequemen Schuh und gesunden Fuß:”Überhaupt folgten die Alten auch in der Beschuhung weit richtiger dem, was die Natur für den freyen Gebrauch der Füße und die angemessene Entwicklung jedes Gliedes verschreibt; und, was man jetzt in Paris und London als ein Raffinement der Bequemlichkeit ansieht, daß jedem Fuße ein nur ihm anpassender Schuh angemessen werde, war bey den Griechen und Römern allgemeine Forderung oder Voraussehung, von welcher sie nur in seltenen Fällen abwichen,” so steht es im Weimarer Journal des Luxus und der Moden, für das Böttiger regelmäßige Beiträge schrieb.

Die”Modeschuhe” seiner eigenen Zeit, mit ihren “dünnen Pappendeckelsohlen”, widersprechen für Böttiger der Anatomie des menschlichen Fußes: ein Fußbett aus leichter und elastischer Korkeiche war und ist die Lösung für gesunde Füße. Böttigers Artikel erzählt zwar hauptsächlich von der Erfindung des Plateauschuhs, doch auch die flache Sandale hat ihre Geschichte und ihren Ort. Böttiger folgt dabei dem römischen Grammatiker Julius Pollux, der 22 verschiedene Art von Schuhen klassifiziert, die sich wiederum in zwei Hauptklassen unterteilen lassen: „starke Solenschuhe zum Ausgehen auf der Straße“ sowie flache Sandalen. Für Böttiger und Pollux ist die offene Sandale stets ein genuiner Hausschuh, eine ausschließlich private Bequemlichkeit. Denn man trägt diese „ganz bequeme[n] leichte[n] Pantoffelsolen, [...] ursprünglich nur in Zimmern“. Im Offenen der Sandale wird die Bühne der Straße im Sommer 1800 besser nicht betreten. (mehr …)

Augustheft: Im Handel

Vornedran der Hinweis auf einen sehr besonderen Text im Augustheft. In diesem Jahr wurde die Autorin Silvia Bovenschen in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen. Zur Vorstellung hat sie für die Frühjahrstagung der Akademie einen großartigen Text verfasst, der Autobiografisches mit Clemens Brentanos Gedicht “Wenn der lahme Weber träumt, er webe…”, nun ja, verwebt.

Eine sehr klare Frage hat Remigius Bunia: “Bin ich links?” Die Antwort darauf fällt nicht so klar aus, aber eben darum ist sie erhellend. Rainer Hank, Leiter des Wirtschaftsressorts der FAS, spürt im Abdruck seiner Hayek-Preisrede dem Problem liberaler Ökonomen mit der privaten Macht nach. Und Leander Steinkopf bringt in einem literarischen Bericht Eindrücke aus Sarajevo mit.

Frei lesbar in der Online-Auskopplung gibt es Wolfgang Kemps eigenwillige Annäherung an die Figur des Oligarchen sowie Ute Sacksofskys Widerspruch gegen die unzufriedene Politik, die gerne am Bundesverfassungsgericht herumreformieren möchte.

Die komplette Übersicht mit der Möglichkeit zum versandkostenfreien Kauf des Heftes gibt es hier; in allen digitalen Varianten sind das Heft (übrigens für 9,99 Euro) sowie die einzelnen Artikel über unsere Volltextplattform zu beziehen. Aber auch bei Amazon, Itunes, Bücher.de und anderen Anbietern wird man fündig.

Verarmung und Verdunkelung. Ein Jahr mit den Goncourts (VI)

Ich komme durch Stellen mit verwüsteten Feldern, herausgerissenen Zäunen, zertrümmerten großen Bäumen, Steinhaufen, Häusern ohne Türen und Fenster, an denen noch das Skelett eines halb herausgerissenen Strauches hängt, durch ganze Straßenzüge ohne ein Licht, ohne einen Passanten, ohne eine lebende Seele. Und immer weiter fahre ich unter dem verlöschenden Himmel, auf dem sich auflösenden Weg durch all diese zerstörten oder verlassenen Dinge, die sich in der finsteren Nacht in den Pfützen spiegeln, so daß ich schließlich den Eindruck bekomme, in einen Weltuntergang getragen zu werden. (Bd. V, S. 241)

Im Laufe des Jahres 1870, im 5. Band der Tagebücher, erzählt Edmond de Goncourt, der ältere der Brüder, wie das Leben und die Kultur in Paris immer deutlicher zerfällt. Die tiefe Freude über die Dinge, ihre Sammlung der Kunststücke, den Hauskauf, der zuletzt ihr Leben für immer nun zu bestimmen schien, diese Freude wird Schritt für Schritt zerstört. Der Tod des jüngeren Bruders am 20. Juni 1870, nach monatelanger Krankheit, ist dabei nur ein erster, unausdenklich schmerzlicher Einschnitt (über den wir in unserer nächsten Lieferung schreiben werden); der große deutsch-französische Krieg, der zunächst wie ein Betriebsunfall aussieht, weckt dagegen alle Erzfeindschaften wieder auf, der alte Hass wird ausgelebt, ganz atavistisch:

daß in diesem Jahr 1871 die nackte Gewalt trotz so vieler Jahre der Zivilisation, trotz so vielen Predigens über die Brüderlichkeit der Völker, trotz so vieler Verträge für ein europäisches Gleichgewicht, daß da die nackte Gewalt, sage ich, ebenso uneingeschränkt ausgeübt wird und herrscht wie zu Attilas Zeiten. (Bd. V, S. 315) (mehr …)

Von den Wichtelmännern oder vom Vorteil der Rückverwandlung von Mehrwert in Kapital und der Nützlichkeit der Mystifikation (Archiv)

Der Politikwissenschaftler Iring Fetscher ist am Samstag im Alter von 92 Jahren gestorben. Er war ein wichtiger Autor des Merkur, jedenfalls bis in die Mitte der achtziger Jahre. Was nicht unbedingt heißt, dass Karl Heinz Bohrer ihn aus dem Heft gedrängt hätte. Der redaktionelle Briefwechsel reicht bis ins Jahr 2009 und bleibt respektvoll und freundlich. Es hat sich wohl einfach nicht mehr ergeben. Zwischen dem März 1962 (Asien im Lichte des Marxismus) und dem Januar 1985 sind 28 Texte von Fetscher im Merkur erschienen, kurze Rezensionen ebenso wie lange Essays (etwa Widersprüche im Neokonservatismus aus dem Februar 1980) und verdammt lange Essays wie der 19-Seiter Die Sicherung des Friedens aus dem Juli 1967 (das würden wir uns heute nicht mehr trauen, solche Epen zu veröffentlichen). Der folgende Text Von den Wichtelmännern ist im Juli 1973 erschienen – und wurde in eine spätere Auflage von Fetschers sehr erfolgreichem Märchenbuch Wer hat Dornröschen wachgeküsst? (ursprünglich 1973 veröffentlicht) aufgenommen.

Von Iring Fetscher

Die Geschichte von den Wichtelmännern erzählt in mystifizierter Form vom Nutzen der (niedrig oder gar nicht bezahlten) Lohnarbeit und der Rückverwandlung des Mehrwerts in Kapital. Diese ganz offen auf der Hand liegende Tatsache ist vermutlich bisher nur deshalb übersehen worden, weil die meisten Literatur- und Volkswissenschaftler das „Kapital“ nicht kannten.

Die Geschichte beginnt mit der Beschreibung der Armut eines Schusters, der nur noch das Material für ein Paar Schuhe hatte. Man muß freilich annehmen, daß es ihm auch an einer Werkstatt und den notwendigen Arbeitsinstrumenten nicht fehlt. Kurzum, es handelt sich um einen “kleinen Warenproduzenten”, der mit eignen Produktionsmitteln, aber auch mit seiner eignen Arbeitskraft für den (kleinen, traditionell begrenzten) Warenmarkt arbeitet. Der Warenumschlag ist auf Grund seiner beschränkten Arbeitskraft außerordentlich langsam, und er muß – ähnlich wie der Lohnarbeiter – zunächst Arbeit leisten, bevor er Geld einnehmen kann; er schießt sich selbst als Unternehmer eigne Arbeitsleistung gleichsam vor. So geschieht es auch mit dem letzten Stück Leder, das er noch hat, oder so sollte es vielmehr geschehen. (mehr …)

Geschichtskolumne: Zeit (Archiv)

Diese Kolumne des Konstanzer Historikers Jürgen Osterhammel hatten wir aus Anlass seines Festvortrags zum 60. Geburtstag von Angela Merkel freigeschaltet. Im kostenpflichtigen Volltextarchiv ist sie – für 2 Euro - hier weiterhin abrufbar. 

Von Jürgen Osterhammel

Zwischen einer Nanosekunde und den 13,7 Milliarden Jahren, auf die Lehrbücher der Astrophysik das Alter des Universums beziffern, liegen die Vorträge und Vorlesungen von Historikern ungefähr in der Mitte.[i] Auch sonst sind Historiker Mittelwegbeschreiter. Temporal gesehen, sind sie Angsthasen. Von Amts wegen als Archäologen und Althistoriker für mehrere Jahrtausende, als Mediävisten für mehrere Jahrhunderte, als Experten der Späten Neuzeit nur für mehrere Jahrzehnte zuständig, überblicken sie mit professioneller Seelenruhe bestenfalls noch kürzere Zeiträume. Einige von ihnen haben es sogar geschafft, über einen einzigen Tag – etwa den 7. März 1936, als Deutschland das Rheinland besetzte – ein ganzes Buch zu schreiben.[ii] Wie James Joyce in Ulysses.

Der Zeithorizont von Historikern ist nach rückwärts beschränkt und nach vorne blockiert: Über die Zukunft glauben sie gar nichts sagen zu können, die Gegenwart überlassen sie stillschweigend den (anderen) Sozialwissenschaften, deren eigener Hang zur Geschichte früher einmal größer war als heute. Historiker messen die Zeit nicht besonders genau, können sie in ihren Texten nicht so formklar fixieren, wie Musiker dies in einer Partitur tun. Philosophische Zeittheorien, etwa die der Phänomenologie, finden sie für ihre eigene Arbeit zu kompliziert. Was die Zeit betrifft, sind Historiker also hoffnungslose Dilettanten. Und dennoch: Will man die Art ihrer Erkenntnisleistung auf einen einzigen Begriff bringen, dann wäre es platt zu sagen, sie erforschten so etwas Vages, im Nebel des Erinnerns und Verschweigens Verborgenes wie die Vergangenheit. Nein: Historiker sind auf ihre besondere Weise Fachleute für Veränderungen in der Zeit. Sie können das nur sein und gesellschaftlich toleriert bleiben, wenn sie die Verbindung zum außerwissenschaftlichen Zeitbewusstsein halten und pflegen. Sofern die Öffentlichkeit Zeitfragen stellt, sollten Historiker zu denjenigen gehören, die antworten können.

Eine Verankerung in der Lebenswelt versteht sich für Wissenschaften keineswegs von selbst. Man kann eine bürgerliche Existenz fristen und niemals Wissensfeldern wie Sanskritistik, Alttestamentarischer Theologie oder Insolvenzrecht begegnen. Für die Geschichte ist eine solche Verankerung indes eine Selbstverständlichkeit. Wäre es verwegen zu behaupten, jeder sei ein geborener Gräzist, Finanztheoretiker oder Astronom, so lässt sich mit größerem Recht sagen: Wir alle sind Historiker.

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Diese Kolumne des Konstanzer Historikers Jürgen Osterhammel hatten wir aus Anlass seines Festvortrags zum 60. Geburtstag von Angela Merkel freigeschaltet. Im kostenpflichtigen Volltextarchiv ist sie – für 2 Euro - hier weiterhin abrufbar.