Caroline-Schlegel-Preis für Andreas Dorschel

Für seinen im Merkur 12/2013 erschienenen Essay Ein verschollen geglaubter Brief der Korinther an Paulus hat Andreas Dorschel den von der Stadt Jena vergebenen Caroline-Schlegel-Preis zur Förderung von Feuilleton und Essay erhalten. (Siehe Urkunde unten.) Wir gratulieren! Und wir freuen uns. Wir freuen uns sogar so sehr, dass wir den Beitrag bis Ende September hier im Blog freischalten. (Danach wird er wie zuvor im Volltextarchiv für 2 Euro abrufbar sein.)

dorschel schlegel

 

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Septemberheft

Das Septemberheft ist nunmehr im Handel - oder hier versandkostenfrei zu bestellen. Hinter dem Link auch die vertraute Übersicht zu einzelnen Artikeln mit Zitaten aus jedem von ihnen. Im Schnelldurchlauf: Wolfgang Krieger sieht die Arbeit der parlamentarischen Geheimdienst-Kontrollgremien skeptisch. Florian Meinel erklärt, was an der Konjunktur des “Legitimations”-Begriffs so problematisch ist.

Dann geht es in die Theorieszene der Siebziger und Achtziger, mit Ulrich Raulff, der dabei war, und mit Philipp Felsch, der bei Merve und in anderen Archiven geforscht hat – Felschs Kritik der Bleiwüste ist gratis online. Thematisch nah liegen Ekkehard Knörer (frei lesbarer) Rezensionsessay zur ersten Paul-de-Man-Biografie und McKenzie Warks Abschied von den Meisterdenkern.

Eine Premiere: Kathrin Röggla im Merkur, mit einem lanzarotenischen Text: Geografie überall. Taylor Parkes ist mit der Monty-Python-Reunion nicht glücklich. Anatol Stefanowitsch erklärt in einer Reaktion auf Daniel Scholtens Sprachkolumne Sinn und Zweck der gendergerechten Sprache. Und die Kolumnen: Simon Rothöhler über Kevin B. Lees Transformers-Premake und Werner Plumpe mit Kritik an der Wachstumskritik. Zum Abschluss der Reihe “Neues aus der Alten Welt” geht es mit Uwe Walter in die Frühzeit Roms. Und nicht fehlen darf: Stephan Herczegs Journal, XVIII. Folge.

Auch alles in E-Formaten käuflich, einzeln und als Gesamtheft (für 9,99 Euro) – die Übersicht hier. Aber auch Amazon, Itunes oder Ebook.de haben den Merkur als E-Magazin im Angebot.

Notizen zu einer Sozialgeschichte der Programmierung (II)

Vorbemerkung: Das Folgende ist die schriftliche Fassung eines Gesprächs, das Kathrin Passig und Arne Janning geführt haben (bzw. dessen zweiter Teil, der erste Teil ist hier). Die Form ist schön, aber ungewöhnlich: Zusätzlich zum eigentlichen Gespräch gibt es in den kursiven Einschüben noch die nachträglichen Selbstkommentare Arne Jannings in Form von Literaturverweisen, Selbstkritik, Monita aller Art. Da das weiterführt, bleibt es drin.

Arne Janning: Mein Ausgangspunkt ist, dass die “History of Computing” – die Geschichte des Computers und die Geschichte der Software – derzeit so aussieht, wie man früher vielleicht die Geschichte des Automobils geschrieben hätte. Eine Geschichte der großen Erfinder, Benz, Ford, eine Geschichte der großen Konzerne, Microsoft, Apple. Es gibt viel Literatur zur Geschichte von Apple. Es gibt mehr Literatur zur Geschichte von Microsoft als über den gesamten Rest der Softwareindustrie. Es gibt diese Hagiographien über die großen Erfinder. Also über Bill Gates ganz viel, über Steve Jobs natürlich neuerdings auch. Aber auch über Larry Ellison, den Gründer von Oracle und andere Heroen der Industrie.

Aber um bei der Analogie zum Automobil zu bleiben: Die Geschichte des Automobils beinhaltet viel mehr als Benz und Ford.

Kurt Möser, Die Geschichte des Autos; Hermann Glaser, Das Automobil. Virilio-Zitat.

Vom “Herrenfahrer” zum “Volkswagen”. Autorennen. Rennfahrer. Automobilclubs. Salons, Ausstellungen, Autozeitschriften. Standards. Benzin oder Strom? Straßennetz. Verrechtlichung. Konflikte. Stadtplanung. Volkswirtschaft. Stau. Schrottberge. Energiekrisen. Umweltbelastung.

“Praxis”: Selbstbestimmung. Standardisiertes Produkt zur Herstellung von Individualität. Innenraum, “Sofa als Rakete” (Otl Aicher über das Auto), hierdurch zuletzt Anschluß an die Softwarewelt. “Entertainmentsysteme”, “Autonomes Fahren”.

Kurz zusammenfassen: Alexa Geisthövel und damit den ganzen Absatz hier ersetzen, weil unpräzises Blabla: (mehr …)

Birkenstockbodenständigkeit (Raffinement der Bequemlichkeit)

I

Die Neuerfindung des Gesundheitsschuhs in der Moderne lässt sich ziemlich genau datieren. Der Philologe und Archäologe Carl August Böttiger erinnert sich in seinem Artikel Über die Stelzenschuhe der Alten Griechinnen vom Februar 1800 an das antike Wissen vom bequemen Schuh und gesunden Fuß:”Überhaupt folgten die Alten auch in der Beschuhung weit richtiger dem, was die Natur für den freyen Gebrauch der Füße und die angemessene Entwicklung jedes Gliedes verschreibt; und, was man jetzt in Paris und London als ein Raffinement der Bequemlichkeit ansieht, daß jedem Fuße ein nur ihm anpassender Schuh angemessen werde, war bey den Griechen und Römern allgemeine Forderung oder Voraussehung, von welcher sie nur in seltenen Fällen abwichen,” so steht es im Weimarer Journal des Luxus und der Moden, für das Böttiger regelmäßige Beiträge schrieb.

Die”Modeschuhe” seiner eigenen Zeit, mit ihren “dünnen Pappendeckelsohlen”, widersprechen für Böttiger der Anatomie des menschlichen Fußes: ein Fußbett aus leichter und elastischer Korkeiche war und ist die Lösung für gesunde Füße. Böttigers Artikel erzählt zwar hauptsächlich von der Erfindung des Plateauschuhs, doch auch die flache Sandale hat ihre Geschichte und ihren Ort. Böttiger folgt dabei dem römischen Grammatiker Julius Pollux, der 22 verschiedene Art von Schuhen klassifiziert, die sich wiederum in zwei Hauptklassen unterteilen lassen: „starke Solenschuhe zum Ausgehen auf der Straße“ sowie flache Sandalen. Für Böttiger und Pollux ist die offene Sandale stets ein genuiner Hausschuh, eine ausschließlich private Bequemlichkeit. Denn man trägt diese „ganz bequeme[n] leichte[n] Pantoffelsolen, [...] ursprünglich nur in Zimmern“. Im Offenen der Sandale wird die Bühne der Straße im Sommer 1800 besser nicht betreten. (mehr …)

Augustheft: Im Handel

Vornedran der Hinweis auf einen sehr besonderen Text im Augustheft. In diesem Jahr wurde die Autorin Silvia Bovenschen in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen. Zur Vorstellung hat sie für die Frühjahrstagung der Akademie einen großartigen Text verfasst, der Autobiografisches mit Clemens Brentanos Gedicht “Wenn der lahme Weber träumt, er webe…”, nun ja, verwebt.

Eine sehr klare Frage hat Remigius Bunia: “Bin ich links?” Die Antwort darauf fällt nicht so klar aus, aber eben darum ist sie erhellend. Rainer Hank, Leiter des Wirtschaftsressorts der FAS, spürt im Abdruck seiner Hayek-Preisrede dem Problem liberaler Ökonomen mit der privaten Macht nach. Und Leander Steinkopf bringt in einem literarischen Bericht Eindrücke aus Sarajevo mit.

Frei lesbar in der Online-Auskopplung gibt es Wolfgang Kemps eigenwillige Annäherung an die Figur des Oligarchen sowie Ute Sacksofskys Widerspruch gegen die unzufriedene Politik, die gerne am Bundesverfassungsgericht herumreformieren möchte.

Die komplette Übersicht mit der Möglichkeit zum versandkostenfreien Kauf des Heftes gibt es hier; in allen digitalen Varianten sind das Heft (übrigens für 9,99 Euro) sowie die einzelnen Artikel über unsere Volltextplattform zu beziehen. Aber auch bei Amazon, Itunes, Bücher.de und anderen Anbietern wird man fündig.

Verarmung und Verdunkelung. Ein Jahr mit den Goncourts (VI)

Ich komme durch Stellen mit verwüsteten Feldern, herausgerissenen Zäunen, zertrümmerten großen Bäumen, Steinhaufen, Häusern ohne Türen und Fenster, an denen noch das Skelett eines halb herausgerissenen Strauches hängt, durch ganze Straßenzüge ohne ein Licht, ohne einen Passanten, ohne eine lebende Seele. Und immer weiter fahre ich unter dem verlöschenden Himmel, auf dem sich auflösenden Weg durch all diese zerstörten oder verlassenen Dinge, die sich in der finsteren Nacht in den Pfützen spiegeln, so daß ich schließlich den Eindruck bekomme, in einen Weltuntergang getragen zu werden. (Bd. V, S. 241)

Im Laufe des Jahres 1870, im 5. Band der Tagebücher, erzählt Edmond de Goncourt, der ältere der Brüder, wie das Leben und die Kultur in Paris immer deutlicher zerfällt. Die tiefe Freude über die Dinge, ihre Sammlung der Kunststücke, den Hauskauf, der zuletzt ihr Leben für immer nun zu bestimmen schien, diese Freude wird Schritt für Schritt zerstört. Der Tod des jüngeren Bruders am 20. Juni 1870, nach monatelanger Krankheit, ist dabei nur ein erster, unausdenklich schmerzlicher Einschnitt (über den wir in unserer nächsten Lieferung schreiben werden); der große deutsch-französische Krieg, der zunächst wie ein Betriebsunfall aussieht, weckt dagegen alle Erzfeindschaften wieder auf, der alte Hass wird ausgelebt, ganz atavistisch:

daß in diesem Jahr 1871 die nackte Gewalt trotz so vieler Jahre der Zivilisation, trotz so vielen Predigens über die Brüderlichkeit der Völker, trotz so vieler Verträge für ein europäisches Gleichgewicht, daß da die nackte Gewalt, sage ich, ebenso uneingeschränkt ausgeübt wird und herrscht wie zu Attilas Zeiten. (Bd. V, S. 315) (mehr …)