Deine Listen, lieber Peter

Am 8. Februar 2014 starb Peter Gente in Chiang Mai, Thailand. Mit Freunden und Merve Lowien hatte er 1970 den Merve Verlag gegründet. Nach einer marxistischen Anfangszeit machte er, nun zusammen mit Heidi Paris, junge deutsche Leser in auffälligen, einfachen Taschenbüchern mit Autoren wie Foucault, Deleuze, Lyotard, Baudrillard oder Virilio bekannt. Aber das Programm enthielt auch viele andere Autoren. 2002 starb Heidi Paris, 2007 zog sich Peter Gente nach Thailand zurück. 2011 schickte er der Künstlerin Eva-Maria Schön, für die er in ihrem Film Was ich besitze (2005) ohne Vorbereitung und in Kürze aufgezählt hatte, was er besitzt, „10 mal 10 Listen“, genauer gesagt elf Zehnerlisten, die hier veröffentlicht werden. Auf der Trauerfeier spreche ich meinen toten Freund Gente noch einmal an. (mehr …)

Merkur FAS Baecker

Bislang leider nicht Jetzt online: Im Aufmacher des FAS-Feuilletons denkt Claudius Seidl über den Negativzins nach – und zwar mit doppeltem Verweis auf den Merkur. Zunächst geht es um Dirk Baeckers Januar-Aufsatz Zur Nullzinspolitik der Notenbanken (hier als pdf): “An den Anfang seiner Überlegungen (denen man nicht in all ihren Winkelzügen folgen muss) stellt Baecker die Frage, ob der negative Zins womöglich ein Zeichen dafür sei, dass das Geld selbst, als Medium des Tausches, an Bedeutung verliere; dass also nicht etwa der Wert einer bestimmten Währung sinke, sondern der des Geldes insgesamt. Der Gedanke ist insofern sympathisch, als er die Begründung dafür liefert, weshalb wir, hier im Feuilleton, uns mit solchen Dingen zu befassen trauen: Man darf kein Insider sein, wenn man das Geld von außen betrachten will.” Baeckers Diagnose, dass das Geld an Bedeutung verliere, teilt Seidl durchaus. Und erinnert (sich) an einen ganz anderen Text: “Wenn das Geld aber seine Gültigkeit verliert, hilft es vielleicht, daran zu erinnern, was es war. In einem schönen, schwierigen Essay, in welchem es eigentlich um den Nihilismus und die Ablehnung jeder Teleologie ging, um Leopardi, Baudelaire und den Tod also und überhaupt nicht um Finanzen, hat Karl Heinz Bohrer, vor achtzehn Jahren ebenfalls im Merkur, quasi im Vorübergehen eine sehr brauchbare Deutung der Moderne formuliert: Die Moderne, schreibt Bohrer, habe immer Anleihen bei der Zukunft genommen.” Auch Karl-Heinz Bohrers Text gibt es natürlich als (kostenpflichtiges) pdf, nämlich hier.

Dekonstruktion im Rückspiegel

[Ich habe mehrmals versucht, das Nachfolgende in eine wissenschaftliche oder zumindest gelehrte Form zu bringen, doch ohne Erfolg. Gleichwohl haben die zu erzählenden Begebenheiten mehr als nur persönlichen Erinnerungswert. Mir stellen sie sich als eine Reihe gleißender Bilder dar, in denen ich zugleich als Betrachter und als Akteur vorkomme. Ich habe mich der Wahrhaftigkeit dieser Bilder durch Gespräche und elektronische Nachforschungen zu vergewissern versucht und dabei feststellen müssen, dass nicht nur die Erinnerungskraft der Einzelnen, sondern auch das angeblich nichts vergessende Internet erhebliche Löcher aufweist, wenn Ereignisse länger als ein Jahrzehnt zurückliegen. Das Bemühen, diese zu schließen, mag vielleicht die Ichhaftigkeit des Folgenden entschuldigen.]

An einem strahlenden Herbstsonntag 1996 holte ich Hélène Cixous und Jacques Derrida vom Flughafen O´Hare in Chicago ab. Sie kamen von einer Tagung in Cornell und sollten am nächsten Abend gemeinsam im Rahmen meiner Ringvorlesung über “Origins and Originalities” an der Northwestern University vortragen. Derrida hatte darüber hinaus zugesagt, am Nachmittag ein Seminar über Negative Theologie zu halten. Am Tag darauf würde er nach New York City fliegen, für einen Vortrag über Artaud am Museum of Modern Art, während Cixous ihre alljährliche Gastprofessur am French Department anzutreten hatte. Der Artaud-Vortrag war noch nicht fertig und darüberhinaus von zahlreichen Empfindlichkeiten überschattet (das MoMa hatte Derridas Vortragstitel Artaud le Moma als unseriös abgelehnt, Artauds Neffe und Erbe würde anwesend sein), weshalb Derrida darum bat, ihm den Rest des Tages und den nächsten Morgen freizuhalten. Hélène hatte vorgeschlagen, dass wir zusammen im Hancock Tower zu Mittag essen und dann ins Hotel nach Evanston fahren.

Ich befand mich damals in der obligaten Phase der Überanpassung an das Gastland und fuhr einen weißen Cadillac Coupe de Ville aus dem Jahr 1967, ein in jeder Hinsicht monströses Gefährt, dessen Styling auf fünfeinhalb langen Metern einen Haifischkühlergrill (und einen Siebenlitermotor) mit einem eher mütterlichen Riesenkofferraum zusammenzwang. Hélène, die den Wagen kannte und sehr liebte, saß vorne, Derrida auf der Rückbank, gerade so, dass sein Kopf den Rückspiegel ausfüllte. Nach einigen Minuten des Schweigens fragte er: “Ist dies etwa ein Cadillac?” Meine Antwort führte zu einigen “c’est incroyable”, die er uns folgendermaßen erläuterte: (mehr …)

Das deutsche Europa im Spiegel

Der Spiegel auf Englisch, ein Problem der Sprache. Dazu kommt: The Spiegel style doesn’t travel well. Das Nüchtern-Verstockt-De-Facto-Hafte* (aber immer dicht dran an den Menschen) wirkt im Englischen noch seltsamer. Luftballons der Ernsthaftigkeit steigen aus diesen aufgepumpten Texten auf und eigentlich möchte man sie als Leser der Reihe nach zum Platzen bringen. Tut man natürlich nicht. Viel zu schnell gerät man in den Sog der Artikel, denn das Problem erweist sich ja bei genauerem Hinsehen als große Stärke und eigentliches Erkennungszeichen des Spiegels: absolute Distanzlosigkeit gegenüber der Wirklichkeit.

Ich lese die englischen Sachen schon allein deshalb, weil sie die größeren Geschichten aus dem Heft, auch die Titelstory, online kostenlos verfügbar machen. Die englische Spiegel-Online-Seite könnte ein internationales Aushängeschild sein, aber man zögert, die Artikel zu teilen. Es gibt da zu viele hölzerne und peinliche Sätze (“Since 2010, the ECB has had little resemblance more to the Bundesbank…”; “With the selection of his coalition partner, Tsipras has charted a course…”). Manchmal kamen Rückfragen: Who translated that?

Journalisten lesen die großen internationalen Tageszeitungen. Als Adressat des eigenen Schreibens tauchen sie allerdings höchst selten auf. Man liest international, schreibt aber national. Auf Spiegel Online finden sich zwar regemäßig Pressereaktionen aus dem Ausland, aber irgendwie verpufft das ohne jeden Effekt. Da war der Internationale Frühschoppen in den fünfziger Jahren schon weiter. Klar, es gibt eine Leserschaft und die ist deutsch. Aber ich finde es hochgradig verstörend, mit welcher Selbstverständlichkeit mancher Leitartikel über die Dummheit der Argumente und die Provinzialität der geistigen Welt der Pegida-Demonstranten herzog, obwohl Journalisten sich doch selbst oft genug mit teutonischen Verengungen zufriedengeben. Mehr Welt reinlassen: Diese Forderung sollte immer reflexiv sein, sie richtet sich an das eigene Ich. (mehr …)

Februarheft

Wir drucken keine Laudationes, und Dankreden auch nicht. Es sei denn, sie sind so großartig wie Navid Kermanis Rede, die er zu Verleihung des Joseph-Breitbach-Preises hielt. Zumal er darin ganz anderes tut, als einfach zu danken. Vielmehr handelt es sich um eine Art Fortsetzung des Totenbuch-Motivs seines großen Romans Dein Name, für den er die Auszeichnung in erster Linie erhielt: In fünf Nachrufen porträtiert er ihm wichtige Menschen, die seit Vollendung des Buches verstarben, von Heinz Ludwig Arnold über den ehemaligen Rektor seiner Schule bis zu Frank Schirrmacher, der Kermani erst förderte und dann mit Verachtung strafte.

Auch nicht alltäglich: ein Gedicht, noch dazu ein von Ror Wolf und Gerhard Henschel gemeinsam im Email-Pingpong verfasstes. Außerdem ein Essay über das Hören, das Zuhören und die Möblierung des Raums mit Musik von Thomas Steinfeld. Ebenfalls musikalisch: Andreas Dorschel, der die Ästhetik und insbesondere die erfolgreiche Wiederbelebung des Fado in jüngerer Zeit erklärt. Kritische Anmerkungen zum Selbstverständnis des Journalismus am Beispiel des Spiegel (genauer: eines Gesprächs mit Renate und Klaus Harpprecht) hat Matthias Dell in seiner Medienkolumne.

Gratis online, wie schon vermeldet, Alban Werners vergleichende Analyse von Grünen und AfD – sowie Ute Sacksofskys Rechtskolumne zum Thema Glaubensfreiheit. Ergänzend dazu im Blog: ihre Antworten auf drei Nachfragen von unserer Seite.

Hier die Übersicht mit Zitaten aus allen Texten sowie diversen digitalen und Print-Kaufmöglichkeiten.

Nachgefragt: Ute Sacksofsky zu ihrer Rechtskolumne zur Glaubensfreiheit

In ihrer Rechtskolumne im Februarheft (hier bis Ende des Monats frei lesbar) setzt sich Ute Sacksofsky kritisch mit jüngeren Urteilen zur Glaubensfreiheit auseinander. Wir sahen an manchen Stellen Klärungsbedarf – und haben deshalb per Mail drei Zusatzfragen gestellt.

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Merkur: In Ihrer Kolumne rekapitulieren Sie, dass das Recht auf Glaubensfreiheit in Deutschland nach gängigem Rechtsverständnis die Freiheit beinhaltet, „sein gesamtes Verhalten an den Lehren seines Glaubens auszurichten und seiner inneren Glaubensüberzeugung gemäß zu handeln“. Zugleich beklagen Sie, dass dieses Recht nicht für alle Gläubigen in gleicher Weise gilt. Fundamentalistische Minderheiten etwa, können vor deutschen Gerichten in der Regel mit weniger Entgegenkommen rechnen als Angehörige der großen Kirchen. Täuscht der Eindruck, oder liegt dieser Ungleichbehandlung eine stillschweigende Unterscheidung zwischen (legitimer) Religionsgemeinschaft und (illegitimer) Sekte zugrunde? Ist denn eine solche Unterscheidung überhaupt eine juridisch belastbare Kategorie? Und falls nicht: Wie kann dann zwischen berechtigten und unberechtigten Berufungen auf das Recht auf Glaubensfreiheit unterschieden werden?

Ute Sacksofsky: Dies ist in der Tat der zentrale Punkt meiner Kolumne: Eine Unterscheidung zwischen (legitimer) Religionsgemeinschaft und (illegitimer) Sekte verkennt den fundamentalen Gehalt der Glaubensfreiheit. Die Glaubensfreiheit überlässt es den Einzelnen zu entscheiden, welcher Religion sie angehören möchten, und zwar auch, welcher konkreten Ausprägung einer Religion. Umgekehrt formuliert: Dem Staat ist es untersagt, Religionen inhaltlich zu bewerten. Der Staat darf nicht die eine Religion für “gut”, die andere für “schlecht” befinden; dementsprechend “gehört” tatsächlich jede Religion  zu Deutschland. Die grundsätzliche Prüfung, ob sich eine Berufung auf die Glaubensfreiheit durchzusetzen vermag, hängt davon ab, ob die Gründe ausreichen, die zur Beschränkung der Glaubensfreiheit angeführt werden. Hier anerkennt die Verfassung nur solche Gründe, die ihrerseits eine verfassungsrechtliche Basis haben und zudem hinreichend gewichtig sind. Gibt es solche Gründe nicht, setzt sich die Glaubensfreiheit von Sekten-Mitgliedern genauso durch wie die von Anhängern des religiösen Mainstream. Dass die Gerichte dies teilweise anders handhaben und sich bei Anhängern kleinerer religiöser Strömungen mit weniger guten Gründen zufrieden geben, ist nicht akzeptabel. (mehr …)