Intellektuelle Beißhemmung

Veranstaltungshinweis: Gemeinsam mit dem DFG-Netzwerk “Gelehrte Polemik” und dem Deutschen Theater lädt der Merkur zu einer kleinen Konferenz zur Frage von “Polemik und Wissen in der Wissenschaftskultur”. Datum: 5. 12. Ort: Foyer des Deutschen Theaters Berlin. Zeit: 17 Uhr bis 21.30 Uhr. Mit dabei:  Caspar Hirschi, Thorsten Wilhelmy , Eva Geulen , Carlos Spoerhase, Jürgen Kaube, Christoph Möllers, Christian Demand und Nina Verheyen.

Eintritt kostet 6 Euro: Kartenverkauf auf der Seite des Deutschen Theaters.

Hier der genaue Ablauf:

17.00–17.15    Empfang und Begrüßung durch Carlos Spoerhase und Kai Bremer (DFG-Netzwerk “Gelehrte Polemik”)

17.15–18.15    Vortrag von Caspar Hirschi (Universität St. Gallen): “Kritikfrei spielen: Zur Selbstverniedlichung der Geisteswissenschaften”.

Respondenz von Thorsten Wilhelmy (Wissenschaftskolleg zu Berlin)

18.15–18.30    Kurze Pause

18.30–19.30    Vortrag von Eva Geulen (Goethe-Universität Frankfurt am Main): “Unbestritten oder unbestreitbar? Vier Beobachtungen zum Wandel geisteswissenschaftlicher Streitkultur”.
Respondenz von Carlos Spoerhase (Humboldt-Universität zu Berlin)

19.30–20.00    Apéro

20.00–21.30    Diskussion mit Jürgen Kaube (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Christoph Möllers (Humboldt-Universität zu Berlin) und Nina Verheyen (Universität zu Köln)
Moderation von Christian Demand (Merkur)

Generation Triple A

Gerade habe ich „Generation Merkel“ zu Ende gelesen, Titelthema des Spiegel von letzter Woche. Der Text ist lesenswert, sofern einen das Thema interessiert, aber in einer Sprache geschrieben, die einen total für dumm verkauft. Beziehungsweise: in einer Sprache geschrieben, bei der ich einfach nicht von dem Gedanken loskomme, dass sie sich an einen Leser richtet, der einer Generation angehört, die weit vorne im Alphabet liegt. Irgendwelche über 60-Jährigen. Und das wäre schon eine dieser Ergänzungen, die ich anzubringen habe; ich werde am Ende darauf zurückkommen. Denn immerhin scheine ich mit meinem Geburtsjahr ’91 zu eben diesen heute 20- bis 30-Jährigen zu gehören. Zur „Generation Merkel“, wie Dirk Kurbjuweit nicht müde wird zu erwähnen – als würde er ganz sicher gehen wollen, dass dieser enorm einfallsreiche Begriff auch wirklich auf seinem journalistischen Konto gutgeschrieben wird.

Wir sind also der Nachfolger der „Null-Bock-Generation“, auch Generation X genannt. Auf X folgt – ganz logisch – die Y. So hießen wir, bevor Kurbjuweit seine Idee hatte. Und wenn ich davon einmal extrapolieren darf, dann bezeichnet man meine Kinder irgendwann mit „Z“. Und wenn die Generationen an den Journalistenschulen bis dahin nicht einfallsreicher geworden sind, trifft sich das ganz gut, dass der Klimawandel uns bis dahin alle gekillt hat. Ende vom Alphabet, bumm. (mehr …)

Spread Your Word Like a Fever

Manche Zeitungsartikel beschwören Bedrohungen, um sie umso besser bannen zu können. Gerade die Zeit steht für eine Entwicklung, in der der Journalismus  zunehmend zu einer Agentur der symbolischen Immunisierung wird, wie Sloterdijk diese Zielvorgabe mal genannt hat. Nicht Neugier, sondern das Bedürfnis nach Absicherung ist die treibende Kraft. Als Mittel dient den Texten oft ein dramatisches Setup. So inszenieren Amrai Coen und Malte Henk in ihrer ausführlichen Ebola-Reportage vom 6. November 2014 einen Showdown zwischen Mensch und Virus.

Von Beginn an lässt der Text keinen Zweifel daran, dass es ihm vor allem darum geht, die Identität des Gegenübers genau zu bestimmen. Womit hat man es überhaupt zu tun, einem “Feind? Einer Naturgewalt? Einer unsichtbaren, ungreifbaren Gefahr?”.

Reporter wollen so nahe am Menschen sein, dass sie sich über die begrifflichen Verstrickungen des eigenen Schreibens nicht genug Gedanken machen. So nahe am Menschen, dass selbst das Virus gnadenlos anthropomorphisiert und somit textlich handhabbar gemacht wird. Im Epilog erkennt man zwar an, dass ein Virus nur eins “will”: existieren. Aber derartige Details aus der Biologie wollen nicht recht in die Spannungskurve passen. Man muss sich das Virus nämlich, wenn nicht als glücklichen Menschen, so doch als “Massenmörder” vorstellen, der mitunter einem Tier ähnelt. (mehr …)

Kommentar zu Ingo Meyers “Niedergang des Romans”

Kommentar zu Ingo Meyers im Novemberheft erschienenem Essay Niedergang des Romans? Sondierungen im Bezugsrahmen eines Topos, der noch bis Ende des Jahres hier frei lesbar ist.

Abgesehen davon, dass Essaylektüren über Krisen des Romans bei mir schon etwas länger zurückliegen, sehe ich durchaus einen Sinn für das Thema, weil ich vermute, dass sich hier inzwischen nicht so sehr ein Genre als gleich eine ganze Lesegewohnheit/Einteilungsgewohnheit verloren hat oder dabei ist, sich zu verlieren, ein Paradigma. (mehr …)

Pharaonische Felsinschriften im Gebiet von Aswân (Archiv)

Der Ägyptologe Stephan Seidlmayer, Direktor der Abteilung Kairo des Deutschen Archäologischen Instituts, erhält in diesem Jahr den Gerda Henkel Preis, der alle zwei Jahre für herausragende Forschungen auf dem Feld der historischen Geisteswissenschaften vergeben wird und mit 100 000 Euro dotiert ist. Im Augustheft haben wir Stephan Seidlmayers Beitrag zu unserer Reihe “Neues aus der Alten Welt” veröffentlicht. Bis zum Ende des Monats schalten wir ihn hier frei. 

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Das Alte Ägypten ist, jedenfalls für den Historiker und Gesellschaftsforscher, das Land der Inschriften schlechthin. Die historisch-politischen Verlautbarungen der Könige, die Berichte der großen Funktionäre über ihr Wirken, alles das ist erstrangig im inschriftlichen Format überliefert, obwohl solche Texte nachweislich auch in Buchhandschriften zirkulierten. Doch am Stein bissen sich die Jahrtausende die Zähne aus. Deshalb ist die Epigraphik für den Ägyptologen der Kern des Kerngeschäfts.[1]

In der großen Welt der Inschriften hat in jüngerer Zeit eine marginal scheinende Gruppe besonderes Interesse auf sich gezogen: das Feld der Fels- und Sekundärinschriften, das heißt der epigraphischen Marken, deren Anbringung nicht mit Bau oder Weihung eines Monuments verbunden war, weil sie sich natürlicher Felsflächen oder der Wände schon bestehender Bauten bedienten.

Von diesen Inschriften geht eine doppelte Faszination aus. Keine andere Textgruppe kommt so dem aktuellen Interesse für “den Raum”, dem spatial turn, entgegen, führt sie den Blick doch weit über Siedlungen, ja über besiedelte und zivilisierte Räume hinaus. Seit Satellitenbilder, GPS und Geländewagen der Forschung die Courage eingeflößt haben, den einst als Niltalhockern verschrienen Ägyptern auf ihren Zügen ins Weite zu folgen, Hunderte von Kilometern in die verlassensten Winkel der Sahara, vergeht kein Jahr ohne die überraschendsten Entdeckungen. Die Inschrift Mentuhotep Nebhepetres am Dreiländereck Ägypten-Sudan-Libyen oder die Inschrift Ramses III. bei der Oase Tayma auf der Arabischen Halbinsel.[2] Zu meiner Studienzeit hätte man sich nicht träumen lassen, dass es so etwas geben könnte. (mehr …)