Tagung von (und mit) Merkur-Autoren

Unter dem Titel “Geist im Buch” spürt eine von Carlos Spoerhase (HU Berlin) und Caspar Hirschi (Universität St. Gallen) konzipierte und organisierte Tagung von heute bis Samstag  historischen Formen und Funktionen des Buches in den Geisteswissenschaften nach. Nicht nur die beiden Veranstalter, auch einige der Referenten und Kommentatoren haben schon für den Merkur geschrieben. Veranstaltungsort ist das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin. Das Programm und alle Rahmeninformationen sind hier online abrufbar.

Fundsache zur aktuellen Nord-Süd-Rhetorik

Am Rande der Arbeit an meiner Designkolumne für das Aprilheft, die dem amerikanischen Designer Norman Bel Geddes gewidmet ist (hier das Link zum gebührenpflichtigen Pdf), habe ich diesmal allerlei Literatur zur und um die Great Exhibition in London 1851 durchstöbert. Dabei bin ich unter anderem ein weiteres Mal auf den prächtigen Band mit den Originallithographien gestoßen, der im Jahr nach der Weltausstellung unter dem Titel “Dickinsons’ comprehensive Pictures of the Great Exhibition of 1851″ erschien und den man, der New Yorker Metropolitan Library sei Dank, gebührenfrei online einsehen kann.

Ich hatte ihn vor Jahren schon einmal in der Bibliothek in Händen gehalten, mich aber seinerzeit ausschließlich mit den Illustrationen beschäftigt, die Aufbau und Atmosphäre der Schau in sehenswerten puppenhausartigen Tableaus festgehalten haben. Diesmal hatte ich die Zeit, mich ein wenig in die beigefügten Kommentare und Erklärungen zu vertiefen, die in vielerlei Hinsicht ebenso bemerkenswert sind wie die Abbildungen. Aus tagesaktueller Perspektive sticht dabei besonders der Eingangstext hervor, der über den Beitrag Griechenlands in einer Mischung aus Resignation und Fassungslosigkeit berichtet, bei der bereits alle Topoi heutiger Nord-Süd-Gefälle-Schelten aufgerufen werden. (Mehr zum rhetorischen Arsenal dieses Kampfdiskurses auch in Philip Manows Politikkolumne in der Februarausgabe “Rentabilität im Süden”.)

Die von allerlei mythologischen Anspielungen gerahmte Erzählung von der Ablösung der griechischen durch die nordeuropäische, sprich: britische Zivilisation gipfelt in Sätzen wie: ”It is Commerce which has put into the hands of Northern Europe, whose inhabitants clothed themselves in skins and painted their naked bodies with woad, all the arts, the inventions and the comforts which then exclusively flourished in the south, and were enjoyed by it’s people alone.” Der gesamte chauvinistische Hymnus findet sich hier.

Aprilheft

Im Aufmacher des Aprilhefts erinnert Jürgen Kocka an die Verheißungen, die sich mit dem Kapitalismus bis ins 19. Jahrhundert verbanden – und geht der Frage nach, wie er im Lauf des 20. Jahrhunderts vom Glanz, den er einst besaß, so viel verlor. Der Soziologe Helge Rossen-Stadtfeld untersucht, wie viel Volk überhaupt noch in der Demokratie stecken kann, wenn sie sich in der Europäisierung zunehmend entnationalisiert. Der Afrikawissenschaftler Andreas Eckert lässt drei sehr unterschiedliche »Väter der Nation« und ihre Geschichte Revue passieren. Und Francis Nenik erzählt vom weißen südafrikanischen Antiapartheidkämpfer Edward Vincent Swart (hier als pdf frei lesbar). In seiner Designkolumne porträtiert Christian Demand das lange fast vergessene Multitalent Norman Bel Geddes. Rudolf Stichweh untersucht in der Soziologiekolumne die seit Beginn der Neuzeit zunehmende Ausdifferenzierung und Autonomisierung der Wissenschaft. Zur Eröffnung einer neuen, nicht an einen einzelnen Autor gebundenen Reihe »Neues aus der Alten Welt« schreibt die Altphilologin Melanie Möller über neue Einschätzungen autobiografischer Formen in der Literatur der Antike. Holger Schulze stellt in einem äußerst kenntnisreichen Rezensionsessay das Feld der »Sound Studies« vor, auch dieser Beitrag steht kostenlos als pdf zur Verfügung. In den Marginalien nimmt sich Heinrich Niehues-Pröbsting Heideggers Werk von den Widmungen in seinen Werken her vor. Hannes Böhringer erinnert an seinen Lehrer Karlfried Gründer. Daneben begibt sich Marcel Serr auf Spurensuche zu einem möglichen Geheimdienstversagen während des Jom-Kippur-Kriegs. Günter Hack erkennt “Eisvogels Fehler”. Und Stephan Herczeg setzt sein Journal fort.

Die Übersicht über den gesamten Inhalt finden Sie hier. Dort auch die Print-Kaufmöglichkeit, alles Digitale im Volltextarchiv, die Ebook-Varianten aber auch zum Beispiel bei Amazon und Itunes.

Und hier noch das Link zum Aprilheft-Feuilletonpressegespräch mit Christian Demand bei Deutschlandradio Kultur.

Das hätte Hugo Ball gefallen

Am 9. März wurde Marc Degens, der mehrfach auch im Merkur publiziert hat, im Forum Alte Post in Pirmasens mit dem Hugo-Ball-Förderpreis 2014 ausgezeichnet. Michael Rutschky, der zusammen mit Martin Mosebach und Felicitas von Lovenberg die Jury bildete, schreibt über ihn: »Marc Degens ist als Romancier hervorgetreten, aber auch als Verleger, literarischer Impresario, Erfinder diverser Formate innerhalb und außerhalb des Internet, sogar als Mitglied einer Popgruppe. Wer ihn je in Aktion erlebt hat – etwa im Berliner Kaffee Burger – musste erkennen, dass die ehrwürdige literarisch-performative Tradition, die das Züricher Cabaret Voltaire begründete, höchst lebendig und zu interessanten Umgestaltungen fähig ist«. Von Marc Degens erschien zuletzt der Roman »Das kaputte Knie Gottes« (Knaus Verlag). Die von ihm gegründete E-Book-Boutique minimore.de ging am 15. März online.

Im folgenden seine Dankesrede, die im Frühjahr 2015 im Hugo-Ball-Almanach, Neue Folge 6, erscheinen wird:

Hugo Ball

Morgens konnte ich nicht am Roman weiterarbeiten, weil ich so starke Rückenschmerzen hatte. Stattdessen sortierte ich Notizen, telefonierte mit Frank und erledigte SuKuLTuR-Kram. Anschließend aß ich in der Stadthaus-Kantine und ging einkaufen. Am frühen Nachmittag hatte ich einen Termin bei meiner Physiotherapeutin. Statt um mein kaputtes Knie kümmerte sie sich um meine Schulter und massierte sie.

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Wikipedia in der universitären Lehre

Impulsreferat für den Workshop „Wikipedia Meets University“, Universität Wien, 15.3.2014

Ich möchte mit einer vielleicht etwas provokanten These beginnen, deren leicht polemischen Duktus ich mir von meinem Kollegen Klaus Graf ausgeborgt habe, der an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aaachen als Historiker und Archivar tätig ist und als Hauptproponent des meinungsfreudigen Weblogs Archivalia – archiv.twoday.net auch weit über die Kreise der Geschichtswissenschaft hinaus bekannt wurde; von Klaus Graf stammt das Diktum: “Ein Wissenschaftler, der nicht bloggt, ist ein schlechter Wissenschaftler.” Auf das Verhältnis der universitären Lehre zu Wikipedia übertragen, lautet meine These:

Lehre, die Wikipedia ignoriert oder gar verbietet, ist schlechte Lehre. (mehr…)

Nachfragen an András Bruck

Im aktuellen Heft schreibt der Schriftsteller András Bruck über die autoritären Strukturen, die Ministerpräsident Viktor Orbán in Ungarn errichtet hat – hier ist sein Text Hinterausgang online frei nachzulesen. Wir haben dem Autor noch drei Nachfragen gestellt:

Sie zeichnen in Ihrem Beitrag detailliert nach, wie Ungarn im Lauf der vergangenen Jahre unter der Regierung Orbán schleichend zur “Parodie einer Demokratie” geworden sei. Folgt man Ihrer Schilderung, hat die Bevölkerung – und Sie schließen sich dabei, wenn ich Sie recht verstanden habe, ausdrücklich mit ein – dies nahezu widerstandslos hingenommen. Wie ist diese Duldsamkeit Ihrer Ansicht nach zu erklären? (mehr…)