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Fährt man mit dem ICE von München in sieben langen Stunden nach Berlin, bleibt ausreichend Zeit um einzusehen, wo die „Strafkolonie Krölpa“ liegt, jener fiktive Ort in Rainald Goetz’ Roman Johann Holtrop. Es eröffnen sich dem Betrachter zwischen Erlangen und Jena, Merseburg und Jüterbog „trostlos weggeduckte Flecken, lächerliche Wüsten dazwischen“ – Krölpa, das ist jede kleine bis mittelgroße deutsche Stadt mit angeschlossenem Industriepark, das ist die deutsche Version von David Foster Wallaces Peoria in seinem posthumen Bürokratieroman The Pale King, Krölpa ist Goetz’ apokalyptische Allegorie deutscher „Bodenständigkeitsverblödetheit“: „Die Verhältnisse waren kaputt, aber sie funktionierten.“
In der Beschreibung Krölpas vereinen sich im Anfangskapitel des Romans die „hysterisch kalt und verblödet konzipierte“ Architektur der Neunziger und der deutsche Wald. Die Natur scheint sich dagegen zu wehren, jene einst von Helmut Kohl heraufbeschworene blühende Landschaft sein zu müssen. Sie rüttelt bedrohlich an den Scheiben der „Büromonolithen“, übertönt die Nichtgespräche der Angestellten der Firma Assperg: „Die Menschen waren stumm, und draußen schlugen Wind und Regen an.“ Diese stürmische Natur diktiert dem Chef und Macher Holtrop seine Daseinsmetapher: „Ein Eiswind sollte von Holtrop her in den Raum hineinfegen.“ Holtrop, eine Naturgewalt, die Leben in die Stille beleuchteter Wiesen und ruhendes Kapital in Bewegung bringt. (weiterlesen …)